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Der Tag an dem ich starb...

joomplu:197

 

  • Der Tag an dem ich starb....
  • Der Tag an dem zu gestorben bist...
  • Der Tag an dem ich als Tod euch begleitete...

Das Video (Texte zum Nachlesen im Anhang)

Der Tag an dem ich starb

Lange vorher wusste ich schon, dass ich gehen würde. Ich kannte meine Beschwerden. Das Sterben begann schon Jahre zuvor. Ich hatte die Diagnose, ich habe nur niemandem davon erzählt. Behielt es für mich.  Schon 3 Jahre zuvor wusste ich, dass ich Leberzirrhose hatte. Der Arzt meinte er könnte mir noch helfen, wenn ich mich streng nach seinem Plan hielt und Medikamente nahm. Er war ehrlich zu mir, er sagte mir es würde ein schmerzhafter Tod sein, wenn ich meine Gewohnheiten nicht sofort änderte.

Ich brauchte nicht zu überlegen. Meine Kinder waren Erwachsen, hatten ihr eigenes Leben und ich sah in der Tatsache, dass ich sterben würde, meine Chance alles hinter mir zu lassen. Ich änderte nichts, ich machte weiter wie bisher. Schmerzen hatte ich nicht, denn wenn ein Anflug von Schmerz kam so ertränkte ich diesen. Ich hatte keine Angst, ich sehnte mich danach dieses Leben beenden zu können. 3 Wochen vor meinem Tod jedoch kam ein wenig Angst. Ich wusste es war an der Zeit mich zu verabschieden. Mich so zu verabschieden, dass keiner wusste, dass es ein Abschied war. Ich musste und wollte für mich alles ins Reine bringen. Meinem Körper ging es schon sehr schlecht, doch ich konnte es verbergen. Ich nahm jede Gelegenheit wahr um zu sagen was ich sagen wollte, ich machte mich frei ohne dass jemand Verdacht schöpfte.

Ja ich spürte die Sorge meiner Kinder, ja ich wusste, dass ihnen einiges seltsam vorkam, weil ich über Dinge sprach die ich nie erzählt hatte. Als meine letzten Tage begannen, ich in die Augen meiner Tochter sah, als sie kam und mich zu retten versuchte, ergriff mich kurz Traurigkeit. Wir sahen uns an, wir wussten es beide. Ich war mir sicher meine Tochter konnte den Tod neben mir sehen. Sie sah mir direkt in die Seele. Ich war stolz auf sie. Stolzer als ich jemals zuvor auf irgend jemanden war. Sie war stark, genau jetzt wo sie Stärke brauchte entwickelte sie ihre volle Kraft. Deutlicher denn je sah ich die Größe ihrer Seele. Man wird sensibel wenn man stirbt. Man sieht Dinge die man sonst nicht sieht oder nicht sehen will.

Sie wollte mich retten, doch sie wusste es gab keine Chance mehr. Sie tat was man sich als Sterbender wünscht, sie gab Würde und sie lief nicht vor dem Tod davon. Sie blieb und schaute ihm direkt ins Gesicht. Ich fiel ins Koma, mein Körper fiel ins Koma, meine Seele erwachte hingegen immer mehr. Ich konnte zusehen, wie mein Körper seine Funktionen einstellte. Ich stand neben mir, neben meinem Körper. Ich hörte jedes Wort, ich sah jede Zärtlichkeit. Ich freute mich, denn ich sah unendliche Liebe. Ich hörte die Schwester wie sie mir leise Gebete zuflüsterte. Sie sagte mir, dass Gott uns nicht alleine lässt in der Stunde des Todes. Ich musste es nicht hören, ich wusste es, er hatte mir einen Begleiter geschickt, ich konnte ihn sehen. Meinen Begleiter. Er wartete geduldig bis ich soweit war. Und ich wartete geduldig bis meine Familie so weit war mich endgültig loszulassen. Sie brauchten noch Zeit. Es war friedlich auch wenn ich die Traurigkeit spürte. Ich stand neben ihnen, hinter ihnen und flüsterte ihnen Worte des Trostes zu. Ich erzählte ihnen vom Licht das ich sah, ich erzählte von meinem Begleiter. Auch wenn sie mich nicht hören konnten so hatte ich das Gefühl sie konnten mich spüren. Es ist nur ein feiner Vorhang der uns voneinander trennt. Ich sah wie meine Tochter mich ansah, nicht wie ich da lag sondern wie ich vor ihr stand. Ich sah wie sie neben mich blickte und ich wusste sie kann uns spüren. Tiefer Friede war im Raum, keine Ängste, kein Zorn, einzig tiefe Liebe war hier. Meine Tochter war soweit, sie ließ mich los, ich hörte wie sie sprach, dass sie mich liebte und ich jederzeit gehen konnte, keiner böse war, dass sie sicher traurig waren doch das durfte so sein wenn man liebt und jemand weiter gehen durfte.

Mein Sohn brauchte noch Zeit also ging ich noch nicht. Meine Tochter spürte dies und auch sie gab ihm seine Zeit, sie lies uns alleine. Wir durften die letzten Stunden unseren Frieden schliessen. Wir hatten sie für uns. Dafür war und bin ich ihr sehr dankbar. Sie gab nicht nur Liebe sondern Zeit. Sie erkannte, dass Abschied nehmen etwas persönliches war. Das loslassen Stille und Frieden schliessen bedeutet. Es war ein großes Geschenk von einer großen Seele.

Als mein Sohn soweit war, empfand ich tiefe Liebe und unendliche Freude. Mein Begleiter wies mir den Weg. Ich ging mit ihm. Ich sah mein Leben. Die schlechten Zeiten, das Leid, den Kummer doch ich sah auch die schönen Dinge die ich erlebt hatte. Ich sah meine Kinder. Ich sah meine Aufgabe die ich hier hatte, ich sah meinen Lebensplan. Ich verzieh jenen die mir weh taten. Das wichtigste jedoch war, ich verzieh mir selbst dass auch ich anderen Schmerz zugefügt hatte. Ich ging weiter. Ich erkannte alles war gut und ich hatte meine Sache gut gemacht. Es ist fast wie eine Prüfung die wir uns selbst auferlegen, denn wir werden für unsere Leben immer geliebt. Ich erkannte, dass wir oder ich hier sind um uns selbst lieben zu lernen. Ich war und bin dankbar für das Leben und den Schritt den ich weitergehen konnte. Es gibt keine Angst hier. Jetzt warte ich bis alle Seelen die mit mir gemeinsam dieses Leben gelebt haben nach Hause kommen. Danach entscheide ich ob ich es noch mal wage und wieder einen Körper haben möchte. Körper sind wie Kleidungsstücke, wir erhalten sie um im Vergleich zur Unendlichkeit der Zeit sie an und aus zu ziehen und dann zu wechseln. In unserem Kleidungsstück dürfen wir lernen um dann nach Hause zu gehen und zu sehen ob wir noch mehr lernen wollen. Und das alles dient dem Wohl des Ganzen. Nichts geht verloren, wir ändern nur unseren Blickwinkel. Zu Hause gibt es keine Furcht, hier ist Friede.