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Weihnachten auf der Straße

„Komm hier her, Charley! Was willst du da?“ befahl Helen ihrem Dalmatinerrüden. Der Hund hatte sich mit all seiner Kraft ins Halsband gelegt, um zu dem hellbraunen Mischling zu gelangen, der neben seinem Herrchen saß. Sein Herrchen war ein Bettler. Ein Penner im dun-kelgrünen Parka mit zerzausten Haaren, schmutzigem Gesicht und finsteren, leer vor sich hin starrenden Augen. Charley hatte aus nur ihm bekannten Gründen ein Rieseninteresse an dem Hund des Obdachlosen. Helen blieb nichts anderes übrig, als ihrem Liebling nachzugeben und ihm zu erlauben, sich ausgiebig mit dem Objekt seiner Begierde zu beschnüffeln.
„Na, nun ist es gut.“ Helen zog Charley weg von dem Typ, der auf einer zerschlissenen Woll-decke saß, ein Pappschild neben sich aufgestellt mit den krakeligen Worten „Bitte eine kleine Spende für Honey und mich.“ Honey. Aha. Das war wohl seine Hündin. Vermutlich gerade läufig. Charley machte Anzeichen großen Entzückens. Seine Rute wedelte so sehr, dass gleich der ganze Hund wedelte, er tanzte förmlich um Honey herum. Honey ihrerseits beantwortete Charleys Werben ebenfalls mit freundlichem aber nicht zu aufdringlichem Schwanzwedeln.
„Die mögen sich, die beiden.“ Aus müden Augen blickte sie der Bettler an. Irgendwie war es ihr peinlich, dass sie sich auf ein Gespräch mit einem Penner einließ. „Ja, ja“, antwortete sie schnell und kramte in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie. Sie holte einen Schein aus ihrer Geldbörse und legte ihn in die aufgestellte Blechbüchse. Schließlich war es ja einen Tag vor Weihnachten.
„Vielen, vielen Dank, schöne Dame“, hatte ihr der Penner hinterhergerufen. Sie dachte auf dem Nachhauseweg über ihn nach. Wie kam jemand darauf, sich an eine Straßenecke zu set-zen, und um ein paar Münzen zu betteln. Was um alles in der Welt mag einen jungen Men-schen dazu bewegen, sich so zu erniedrigen? Denn der Besitzer von Honey war sicher so um die dreißig, also kaum älter als sie. Was brachte einen Menschen in unserem Sozialstaat dazu, betteln zu gehen? Helen fielen auf Anhieb hunderte von Möglichkeiten ein, die ein junger Man hatte, um auf angenehmere und würdigere Weise zu Geld zu kommen.

Am nächsten Tag, es war Heilig Abend, machte Helen in der Stadt noch schnell die letzten Weihnachtseinkäufe. Sie bogen um die Ecke und tatsächlich saß der Mann wie gestern wieder zusammengekauert auf seiner Decke, den Hund neben sich. Helen wollte möglichst unauffäl-lig an den beiden vorbeigehen, doch ihr Dalmatiner hatte etwas anderes vor. Das gepunktete Fellbündel an ihrer Leine hatte sich in die pure Lebens- und Wiedersehensfreude verwandelt und zog mit unbändiger Kraft auf Honey und ihren Besitzer zu. Während die Hunde sich be-grüßten hatte Helen Gelegenheit, sich den Mann genauer zu betrachten. Er sah eigentlich gar nicht schlecht aus. Frisch gewaschen und neu eingekleidet, stellte sie ihn sich sogar durchaus attraktiv vor.
„Ach, da sind Sie ja wieder, Honey hat sich schon nach Ihnen und Ihrem Hund gesehnt. Ho-ney und ich, um genauer zu sein.“
„Ach ja?“ Helen wirkte unbeholfen. Ihr war etwas komisch zu Mute. Wenn sie nun einer ihrer Kollegen sehen würde, wie sie mit einem Penner redete. Na, das gäbe ein Getratsche!
„Sie sind ein guter Mensch, meine Honey spürt so was sofort.“ Der Bettler sprach mit erstaun-lich tiefer, fester Stimme. Wieso hatte sie immer geglaubt, Penner seien grundsätzlich betrun-ken und nicht Herr ihrer Sinne? Dieser Mensch vor ihr auf dem Boden schien jedenfalls sehr wach und aufmerksam zu sein. Verlegen sah sie zur Seite. Er sagte:„Doch, doch. Nicht nur meine Hündin spürt das. Sie sind sehr nett.“
„Ach, äh, ähem.“ Helen stammelte irgendetwas, das wie danke klingen sollte, warf schnell ein Zweieurostück in die Blechbüchse und eilte nach Hause.

Sie hatte ihre Wohnung weihnachtlich geschmückt, sogar einen Tannenbaum hatte sie aufge-stellt. Auch, wenn sie in diesem Jahr alleine feierte, ein Tannenbaum gehörte einfach dazu. Sie zündete die Kerzen an und lauschte der Weihnachtsmusik aus dem Radio. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: Der Penner! Er würde den Heiligen Abend alleine auf der Straße in der Kälte verbringen. Sie wollte einfach wissen, wie es dazu gekommen war, dass er auf dem kalten Asphalt saß und bettelte. Ja, vielleicht wollte sie auch etwas Gutes tun und helfen. Vielleicht war es auch einfach nur die schöne Weihnachtsstimmung, die sie wieder in ihren Wagen springen ließ. Sie stellte ihr Auto auf dem jetzt leeren Parkplatz ab und eilte zu der Stelle, wo er bisher gesessen hatte. Doch der Platz war leer. Logisch, wenn keine Passan-ten mehr in der Stadt waren, was sollte dann ein Bettler dort? Warum hatte sie ihn vorhin nicht angesprochen?

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Die Begegnung mit dem Stadtstreicher hatte Helen die Augen geöffnet. Sie, die seit sie sich erinnern konnte, großen Wert auf Äußerlichkeiten gelegt hatte, fing an, sich Gedanken darü-ber zu machen, was den Wert, die Ausstrahlung, den Charme eines Menschen ausmachte. Ihr ganzes Weltbild war ein wenig ins Wanken geraten, ihre Werte waren andere geworden. Und so dachte sie noch oft an den Mann auf der Decke und an Honey, seinen Mischlingshund. Auch so etwas wäre für sie früher nie in Frage gekommen. Wenn schon ein Hund, dann muss-te es ein „hochwertiger“ und teurer Rassehund sein. Im Stillen dankte sie ihm. Sie bedankte sich dafür, dass er, ohne es zu wissen, sie ein kleines bisschen zu einem besseren Menschen gemacht hatte.

Wieder war das Weihnachtsfest viel zu schnell vergangen. Der Alltagstrott hatte sie wieder. Wie immer fiel es ihr gerade nach Weihnachten besonders schwer, wieder in das Alltagsleben zurückzufinden. So genoss sie das darauf folgende Wochenende besonders. Zum Frühstücks-kaffee hatte Helen sich die Sonntagszeitung besorgt und schmökerte. Sie las Berichte über sich trennende Promi-Ehepaare, über die Essgewohnheiten von gewissen Schauspielern, sie wurde informiert, wie sich eine berühmte Talkmasterin fit hielt. Seite um Seite unterhaltsamer Tratsch. Genüßlich blätterte sie um. Ihr sprang die fettgedruckte Überschrift entgegen: Drei Wochen zwischen Pennern auf der Straße. Und der Untertitel: Wie unser Starreporter Hannes Roth die Welt der Obdachlosen erlebte. Es war auch ein Bild von ihm gedruckt. Von ihm und Honey.


Autor: Rita Fehling

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